Die Bedeutung der Corona-Krise für die Unternehmensnachfolge im deutschen Mittelstand?

 

Beschleunigung oder Verlangsamung?

Nach einer ausgesprochen erfolgreichen Periode des Aufschwungs der letzten zehn Jahre haben häufig gute Umsatz- und Ertragszahlen dazu geführt, dass der deutsche Mittelstand mit hohen Eigenkapitalquoten und zinsgünstigen Finanzierungsmöglichkeiten durchaus stabil dasteht, dies gilt aber eben nicht für alle Unternehmen.

So schreibt die KFW in Ihrer am 19.06.2020 veröffentlichten Corona-Sondererhebung des KfW-Mittelstandspanel 2020: „Die Rückkehr zu voller Wirtschaftsaktivität wird allerdings mühsam und ist für die meisten Unternehmen nicht vor dem Frühjahr 2021 absehbar. Der Großteil der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wird die Folgen der Corona-Krise noch lange spüren.“

 

Und was bedeutet dies für das Thema Unternehmensnachfolge?

Im Grunde hat sich an der Ausgangslage rein zahlenmäßig vermutlich nicht viel geändert. Noch Anfang des Jahres 2019 ging die KFW davon aus, dass rund 227.000 Inhaber im Mittelstand bis Ende 2020 die Fortführung des Unternehmens durch einen Nachfolger anstreben.

Über ein Drittel dieser kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hatten zu diesem Zeitpunkt den bevorstehenden Generationenwechsel bereits erfolgreich gemeistert und einen Nachfolger gefunden; weitaus mehr als in den Jahren zuvor. Mit anderen Worten:

Die Nachfolgefrage war und ist stärker in das Bewusstsein der aktuellen Inhabergeneration im deutschen Mittelstand gerückt. Nicht zuletzt deswegen, weil dieser eine teils deutliche Überalterung aufweist: Gemäß dem Mittelstandspanel der KfW aus dem Jahr 2019 hatte sich der Anteil von Inhabern im Mittelstand im Alter von über 55 Jahren von 2002 auf 2016 (und wir sind vier Jahre weiter) fast verdoppelt.

Ja, es wird durch die Auswirkungen der Corona-Krise auch mehr Insolvenzen und Geschäftsaufgaben geben und diese erreichen uns vermutlich erst im Herbst 2020 oder Frühjahr 2021. Die, die es aber geschafft haben, stehen immer noch oder gerade eben erst jetzt vor der Frage:

 

Wie und wann gehe ich das Thema an?

Ist jetzt die richtige Zeit, wo sich meine Zahlen gar nicht mehr so gut anschauen lassen, wie noch vor einem Jahr? Oder habe ich jetzt erst recht genug und möchte so etwas derartiges nicht mehr erleben?

Wie immer kommt es auf die Perspektive und die eigene Interessenlage an und bedarf einer klaren und ehrlichen Analyse. Einige Aspekte möchten wir heute ansprechen:

1. Das Geschäftsmodell

Die aktuelle Krise hat nur zu deutlich gezeigt, welche Geschäftsmodelle standhalten und welche nicht. Wie weit ist das „Wohl und Wehe“ von nur einem oder wenigen Kunden oder Lieferanten abhängig? Wie stark ist mein Unternehmen diversifiziert und kann auf andere Bereiche ausweichen. Ist mein Geschäftsmodell krisenanfällig oder gar ein Krisengewinner?

Diese Fragen ehrlich beantwortet können sowohl für eine Kauf- wie für eine Verkaufsentscheidung von erheblichem Interesse sein. Allein geht es nicht mehr, gemeinsam, aber besser? Kaufe ich hinzu oder gebe ich besser ab?

2. Die Eigenkapitalbasis und die Liquidität

Wer in dieser Zeit mit guten Eigenkapitalwerten und einer soliden Liquidität aufwarten kann, wird immer noch attraktiv für einen Nachfolger sein, gerade dann, wenn es wieder bergauf geht. Aber für die Aufrechterhaltung der Unternehmen und die nachhaltige Krisenbewältigung werden teilweise deutliche Aufstockungen der Finanzierungsmittel notwendig sein.

Kapitalgeber, egal woher, werden sich in dieser Situation, gerade bei älteren Geschäftsführungen, schwer tun und erwarten, dass die Nachfolge nicht nur als langfristige Perspektive dargestellt wird, sondern die konkrete Umsetzung geplant und angegangen wird. Habe ich einen Plan für mein Unternehmen?

3. Die Wertvorstellung

Schon immer waren Asset-basierte Nachfolgeregelungen für beide Seiten, Käufer wie Verkäufer, die „sichere“ Variante. Beide Seiten hatten bei der Unternehmensbewertung verlässliche Daten und konnten den Wert bestimmen.

Bei Betrachtung der aktuellen Entwicklungen gängiger Umsatz- oder EBIT-Multiplikatoren, zeichnen sich die ersten Abschwächungen ab. Es ist davon auszugehen, dass es im Laufe des Jahres auch hier noch weitere Korrekturen geben wird. Und dann ist da ja noch der wichtigste Bewertungsmaßstab, der sogenannte „subjektive“ Unternehmenswert für das Lebenswerk.

Gerade in Zeiten des Aufschwungs ist dies oft ein kaum aufzulösendes Missverständnis, welches manche Übernahme auch be- oder verhindert hat. So wird der eine oder andere Geschäftsführungen im höheren Alter in der Krise erkennen, dass ein Ausstieg – auch zu niedrigeren Verkaufspreisen – für ihn und seine Lebensqualität bessere Perspektiven mit sich bringt als ein starres Festhalten am Status Quo und der eigenen Wertvorstellung.

Aufgrund der Umsatz- und Ertragsentwicklungen werden mehr potenzielle Käufer in der Lage sein und Interesse daran haben, Unternehmen zu kaufen – sofern deren Aussichten für die Zeit nach der Krise Perspektiven erkennen lassen.

4. Und die Übernehmer?

Auch hier gibt es Chancen. Einerseits wird es den ein- oder anderen potenziellen Übernehmer geben, der jetzt das Risiko scheut und doch lieber in seinem vermeintlich sicheren Job bleibt, aber ist er dann auch der Richtige? Andererseits zeigt sich eben in der Krise auch die Loyalität des eigenen Unternehmens.

Externe, von ihrem eigenen Unternehmen enttäuschte potenzielle Übernehmer sagen vielleicht „und jetzt erst recht?“. Auch wird die Beschäftigungsentwicklung insgesamt in großen Konzernen zurückgehen und dazu führen, dass wieder mehr junge Menschen eine Selbstständigkeit und eine Unternehmensübernahme für sich in Betracht ziehen und attraktiv finden.

 

Unser Fazit:

Die „Nach-Krisen-Zeit“ wird dazu führen, dass sich vieles verändert, vor allem aber auch der Blick auf das Thema Nachfolge. Wir meinen, es gibt für alles den richtigen und den falschen Zeitpunkt. Man erkennt ihn aber nicht, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Und gerade jetzt sollten dies alle Beteiligten tun.

 

Dabei gilt:

Unternehmensverkäufer sollten sich klar machen, dass Höchstpreise – wie sie in den vergangenen Jahren durchaus möglich waren – vermutlich auf längere Sicht nicht mehr erzielbar sein dürften. Andererseits wird ein solides und krisenbewährtes Unternehmen für potenzielle Nachfolger aber auch wieder deutlich interessanter.

Unternehmenskäufer hingegen sollten sich klar machen, dass sich gerade jetzt zeigt, wo die Chance auf einen erneuten Aufschwung und damit eine zukünftig gesicherte unternehmerische Existenz liegen kann. Es gilt wie immer:

 

Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Worten zusammen.
Das eine bedeutet Gefahr… und das andere Gelegenheit.

 

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